{"id":1101,"date":"2014-05-15T08:29:05","date_gmt":"2014-05-15T05:29:05","guid":{"rendered":"http:\/\/winw.de\/dsa\/?page_id=1101"},"modified":"2014-05-15T08:29:05","modified_gmt":"2014-05-15T05:29:05","slug":"interview-mit-frau-mann","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/winw.de\/dsa\/?page_id=1101","title":{"rendered":"Interview mit Frau Mann"},"content":{"rendered":"<p align=\"justify\"><em>Daniela Rosescu: Frau Mann, erz\u00e4hlen Sie uns etwas von sich: Z.B. wo Sie geboren sind, wo Sie studiert\u00a0haben und in welchen St\u00e4dten Sie noch t\u00e4tig waren.<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>Sibylle Mann:\u00a0<\/strong>Geboren bin ich in einem ganz kleinen Ort in S\u00fcddeutschland, in Buchen im Odenwald,\u00a0er befindet sich zwischen zwei bekannten St\u00e4dten: Heidelberg und W\u00fcrzburg. Als ich dort zur Welt kam,\u00a0gab es in Buchen ca. 5000 Einwohner und da bin ich gro\u00df geworden. Wir wohnten am Stadtrand, das\u00a0habe ich sehr genossen, alles um uns herum war gr\u00fcn, es gab sch\u00f6ne W\u00e4lder und Wiesen. Dort habe ich\u00a0auch meine ersten Skifahrversuche unternommen, bei uns gegen\u00fcber gab es einen kleinen H\u00fcgel und\u00a0als ich irgendwann mit 5 Jahren Skier zu Weihnachten geschenkt bekommen habe, habe ich da meine\u00a0ersten Skifahrversuche gestartet. Das war sehr idyllisch, aber mit 13 Jahren hat sich das ge\u00e4ndert. Ich\u00a0dachte mir, wie langweilig das Leben dort eigentlich ist, weil nichts los war f\u00fcr Jugendliche, wir hatten\u00a0keine gr\u00f6\u00dferen Musikclubs, keine besonderen Treffpunkte. Ich habe zu der Zeit angefangen mich in\u00a0der Kirche zu engagieren und habe dann den Kindergottesdienst geleitet und in einer kleinen Band\u00a0mitgespielt, davor war ich im Kinderchor und in der Orffgruppe. Mit 15-16 war die Situation kritisch,\u00a0weil man da noch keinen F\u00fchrerschein hat, um irgendwohin zu kommen, wo was los ist und man ist auf\u00a0\u00c4ltere angewiesen, die bereits einen haben.\u00a0Ich bin dann vom S\u00fcden kommend im Norden gelandet. In L\u00fcbeck, an der Ostsee, ein sehr, sehr sch\u00f6nes\u00a0St\u00e4dtchen, der Geburtsort von Thomas Mann (hier gibt es auch das ber\u00fchmte \u201eBuddenbrookhaus\u201c) und\u00a0von da bin ich eine Zeit lang immer nach Hamburg gefahren, da ich dort angefangen habe zu studieren.\u00a0Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwei kleine Kinder, das hei\u00dft, ich hatte immer ganz sch\u00f6n viel zu tun, um\u00a0Studium und Kinder unter einen Hut zu bringen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Mit welchen Vorurteilen mussten Sie vor der Reise nach Rum\u00e4nien k\u00e4mpfen, was haben Ihre\u00a0deutschen Freunde und Kollegen gesagt?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Ich muss sagen, es gab relativ wenig Vorurteile, weil ich aus einem aufgeschlossenen Kollegium\u00a0komme. Ich war erstaunt, dass die Leute, \u00fcbrigens auch meine beiden Kinder, die schon in Deutschland\u00a0studieren, sehr positiv reagiert haben, da sie meinten, dass so ein Austausch super sei. Also genau das\u00a0Gegenteil von dem, was man erwarten w\u00fcrde\u2026<\/p>\n<p><!--nextpage--> <\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Sie leben schon seit 6 Monaten in Bukarest. Sind die Vorurteile, welche fast alle Ausl\u00e4nder \u00fcber\u00a0Rum\u00e4nien haben, gerechtfertigt?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Zun\u00e4chst m\u00fcssen wir uns \u00fcber die Vorurteile unterhalten. Was meinst du denn genau\u00a0mit \u201eVorurteilen\u201c?<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Die Menschen seien sehr arm, der Glaube, das Land sei arm und h\u00e4sslich\u2026.<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Also, das Land ist mit Sicherheit nicht h\u00e4sslich, ganz im Gegenteil, es ist ein wundersch\u00f6nes\u00a0Land, das alles zu bieten hat: Meer, Gebirge&#8230; Bukarest selbst finde ich auch sehr spannend. Es ist\u00a0eine pulsierende Stadt und vom Aufbau her sehr interessant. Was ich in Bukarest nicht mag, das ist\u00a0der Verkehr. Den finde ich ganz furchtbar. Ich habe l\u00e4ngere Zeit in Frankreich gelebt und von den\u00a0Franzosen sagt man, sie fahren wild, aber ich finde , dass hier jeder f\u00e4hrt, wie er denkt und dann gibt\u00a0es pl\u00f6tzlich 6 Autos nebeneinander auf einem Streifen. Also alles viel wilder als in Frankreich!! Ich\u00a0habe mein Fahrrad mit hierher gebracht, aber unter der Woche traue ich mich nicht so richtig mit\u00a0dem Fahrrad zu fahren, das ist mir zu gef\u00e4hrlich. Was mich noch sehr an Bukarest st\u00f6rt, sind diese\u00a0wundersch\u00f6nen H\u00e4user, die verfallen. Manchmal macht mich auch traurig, dass die Menschen so\u00a0gehetzt sind.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Schon fast alle Lehrer der DSA, die ich interviewt habe, sagten, sie h\u00e4tten schon in ihrer Kindheit\u00a0davon getr\u00e4umt, Lehrer zu werden. Ist das bei Ihnen auch so?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> In meiner Kindheit wollte ich irgendwann mal Musikerin werden, dann wollte ich im Sportbereich\u00a0was machen und lange, lange Jahre wollte ich eigentlich Tiermedizin studieren. Ich habe mich aber\u00a0parallel immer sehr, sehr gerne mit Sprachen besch\u00e4ftigt und dann gab es irgendwie nur ganz wenige\u00a0M\u00f6glichkeiten nach dem Abi an einer Uni Tiermedizin zu studieren und da ich damals in Hamburg war\u00a0und es keine M\u00f6glichkeit gab, Tiermedizin zu studieren, habe ich gesagt, ich studiere jetzt Germanistik\u00a0und Romanistik. Danach war die Frage, was ich jetzt mache: Soll ich auf ein Dolmetscherinstitut gehen,\u00a0um zu \u00fcbersetzen oder gehe ich in den Schuldienst und ich habe dann den Schuldienst gew\u00e4hlt. Es ist\u00a0eine sch\u00f6ne Sache, da man viele Anlagen, die man selbst hat, mit einbringen kann in diesen Beruf. Die\u00a0musische Anlage, wenn man Musik mag, beispielsweise. Ich unterrichte auch Theater. Au\u00dfer Deutsch\u00a0und Theater habe ich in Hamburg auch Franz\u00f6sisch unterrichtet.<\/p>\n<p><!--nextpage--> <\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Sie sind halt eine \u201euntypische\u201c Lehrerin, weil Sie Deutsch-Franz\u00f6sisch studiert haben und nicht\u00a0Deutsch-Geschichte, wie wir Sch\u00fcler das hier gewohnt sind, zu h\u00f6ren.<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Ja, dann bin ich halt untypisch, aber ich mag trotzdem mein zweites Fach, ich liebe Franz\u00f6sisch.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Was ist Ihr franz\u00f6sischer Lieblingsspruch?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Auf jeden Fall nicht \u201eL\u2019\u00e9tat c\u2019est moi\u201c. \u201eLa vie est belle\u201d vielleicht, weil das Leben wirklich sch\u00f6n\u00a0ist. So viel man auch im Laufe eines langen Lebens erlebt, damit meine ich auch die negativen, traurigen\u00a0Dinge, finde ich, dieser Spruch trifft doch immer wieder zu. Das Leben ist unberechenbar und h\u00e4lt Gutes\u00a0und weniger Gutes f\u00fcr uns bereit. Ohne das Negative k\u00f6nnte man das Sch\u00f6ne nicht so w\u00fcrdigen. Jeder\u00a0von uns muss lernen, dass man sich von den negativen Dingen nicht so sehr nach unten ziehen lassen\u00a0darf. Und dass man ein sch\u00f6nes L\u00e4cheln immer bereithalten sollte. So was wie der Fr\u00fchling, der kommt\u00a0ganz automatisch. Ja, an so etwas kann ich mich zum Beispiel erfreuen.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Was halten Sie von Picassos Spruch \u201eJe ne cherche pas, je trouve\u201d? Was haben Sie bis jetzt\u00a0gefunden, ohne dass Sie darauf gehofft h\u00e4tten?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Meinen Mann, die Kinder\u2026 Einfache Dinge, die mich im T\u00e4glichen so erfreuen: Ein L\u00e4cheln\u00a0unverhofft; das finde ich sehr sch\u00f6n, wenn einen im Alltag jemand anl\u00e4chelt; das passiert hier leider viel\u00a0zu wenig!<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Ich muss diese Frage unbedingt stellen. Sie waren 20 Jahre alt, als die Mauer gefallen war. Hofften\u00a0Sie noch auf ein vereinigtes Deutschland? Was hatten Sie damals empfunden?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Ich fand es unglaublich. Die Grenze war nicht weit von L\u00fcbeck entfernt, da gibt es den Ratzeburger\u00a0See, der immer wieder f\u00fcr Anekdoten gesorgt hat. Auf der anderen Seite des Sees war n\u00e4mlich schon die\u00a0Grenze, das hei\u00dft, dort patrouillierten immer die Grenzsoldaten der DDR, sodass, wenn ein Segler sich\u00a0mal verirrt hatte oder aus Versehen die Wende nicht rechtzeitig geschafft hatte, er dort ins Gef\u00e4ngnis\u00a0kam und gegen teure Devisen ausgel\u00f6st wurde. Er durfte praktisch nur dann in die BRD zur\u00fcck, wenn\u00a0seine Verwandten entsprechend viel Geld gezahlt haben, damals die DM (Das lief alles noch glimpflich\u00a0ab!! Es gab auch ganz andere Geschichten, wie wir alle wissen!!). Diese Geschichten haben mich immer\u00a0ber\u00fchrt und ich wollte unbedingt die Grenze am Ratzeburger See sehen. Die Br\u00fccke war ab der H\u00e4lfte\u00a0geteilt in West- und Ost-Deutschland und die Grenzsoldaten der DDR patrouillierten auf ihrer Seite\u00a0der Br\u00fccke. Es war absurd. Man konnte ihnen winken, eine Reaktion ihrerseits gab es nie. Vor diesem\u00a0Hintergrund gab es auf einmal diese \u00d6ffnung und auch wenn ich keine direkten Verwandten in der DDR\u00a0hatte, so war es trotzdem einfach Wahnsinn, dass etwas passieren konnte, woran niemand geglaubt\u00a0hatte.<\/p>\n<p><!--nextpage--> <\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Was w\u00fcnschen Sie sich von nun an?<\/em><\/p>\n<p align=\"justify\"><strong>S.M.:<\/strong> Viel Sonnenschein, W\u00e4rme und ich w\u00fcnsche mir noch viele sch\u00f6ne Erfahrungen und dass ich\u00a0interessante Gespr\u00e4che mit interessanten Menschen f\u00fchren werde und dass man voneinander lernen\u00a0kann und eine gewisse Offenheit w\u00fcnsche ich mir auch, Offenheit der Menschen, vor allem im Geiste.<\/p>\n<p align=\"justify\"><em>D.R.: Es war f\u00fcr mich eine ganz, ganz gro\u00dfe Freude, mit Ihnen dieses Interview zu f\u00fchren. Danke sch\u00f6n,\u00a0Frau Mann, f\u00fcr all die sch\u00f6nen Antworten und f\u00fcr die positive Haltung, die Sie immer haben.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Rosescu: Frau Mann, erz\u00e4hlen Sie uns etwas von sich: Z.B. wo Sie geboren sind, wo Sie studiert\u00a0haben und in welchen St\u00e4dten Sie noch t\u00e4tig waren. Sibylle Mann:\u00a0Geboren bin ich in einem ganz kleinen Ort in S\u00fcddeutschland, in Buchen im Odenwald,\u00a0er befindet sich zwischen zwei bekannten St\u00e4dten: Heidelberg und W\u00fcrzburg. 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